Wenn dein Wissen nicht dein Handeln bestimmt
Du liegst auf dem Sofa. Mit einer Tasse Tee oder einem Glas Wein. Endlich!
Du möchtest den Abend ruhig ausklingen lassen. Kein Reagieren mehr. Kein Funktionieren. Kein „nur kurz noch“. Dein Tag war voll. Dein Kopf eigentlich auch.
Dann ruft dein Mann oder Partner nach dir: „Kannst du mir mal eben helfen?“ Nur kurz. Eine Kleinigkeit. Noch bevor du wirklich spürst, was du eigentlich möchtest, ist die Antwort schon da. „Ja, klar. Ich komme.“
Du stellst deine Tasse ab und stehst auf. Erst in diesem Moment merkst du, dass du eigentlich Nein gemeint hast. Nicht laut. Nicht bewusst ausgesprochen. Aber es war da.
Es passiert nicht nur einmal
In diesem Moment hast du gar nicht darüber nachgedacht. Du hast auch nicht darüber nachgedacht, ob du helfen möchtest oder nicht. Es ist einfach passiert. Vielleicht kennst du das auch aus anderen Situationen.
Jemand erzählt dir von einem Problem und du hörst zu, obwohl du selbst keine Kraft mehr hast.
Im Job übernimmt niemand die Aufgabe und plötzlich machst du sie.
In der Familie entsteht Streit und du bist sofort diejenige, die vermittelt.
Erst hinterher fragst du dich:
Warum habe ich schon wieder Ja gesagt? Obwohl ich es doch längst anders machen wollte.
Genau darin liegt der entscheidende Punkt.
Viele glauben, sie müssten nur erkennen, was ihnen nicht guttut. Dann würden sie beim nächsten Mal automatisch anders handeln.
Doch so einfach ist es nicht.
Wenn du über viele Jahre gelernt hast, Verantwortung zu übernehmen, wird dieses Verhalten irgendwann selbstverständlich. Du hältst nicht erst inne und fragst dich, ob du helfen möchtest. Dein Ja ist oft schon ausgesprochen, bevor du überhaupt wahrgenommen hast, dass ein Teil von dir eigentlich Nein sagen wollte.
Das hat nichts damit zu tun, dass du zu nett bist oder keine Grenzen setzen kannst. Du hast gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Oft auch dann, wenn sie gar nicht deine war.
Vertiefend dazu: Wenn du noch genauer verstehen möchtest, wie dieses Muster entsteht und warum es so schwer ist, es zu durchbrechen, hilft dir dieser Beitrag: Übernommene Verantwortung: Warum du nicht für das Leben anderer verantwortlich bist
Und genau deshalb passiert es überall
Vielleicht kennst du es auch im Job:
Du hast eigentlich schon genug zu tun. Dein Kopf ist voll, dein Kalender erst recht. Und trotzdem kommt jemand zu dir: „Kannst du das noch kurz übernehmen?“
Du spürst kurz den Widerstand. Aber bevor du ihn wirklich greifen kannst, hörst du dich schon sagen: „Ja, ich mach das.“ Und erst später fragst du dich, warum es bei dir immer wieder so schnell geht.
Oder in deinem Alltag zu Hause:
Du bist eigentlich gerade mit dir beschäftigt. Vielleicht endlich ein Moment Ruhe. Und trotzdem denkst du schon wieder darüber nach, was andere noch brauchen könnten.
Was noch erledigt werden müsste. Wo du noch einspringen könntest. Und bevor du überhaupt bei dir ankommst, bist du schon wieder bei den anderen.
Wenn du dich hier wiedererkennst, könnte dich auch dieser Beitrag interessieren: Zu viel Verantwortung übernehmen: Warum du keine Unterstützung zulässt, obwohl du sie brauchst
Oder ein Gespräch mit einer Freundin:
Sie erzählt dir etwas Belastendes, ihre Sorgen und ihr Kummer. Während du noch zuhörst, bist du innerlich schon dabei zu helfen, zu beruhigen. Lösungen zu suchen. Es ein Stück leichter zu machen.
Und dein eigenes Gefühl rutscht dabei leise in den Hintergrund.
Weil dieses Mitdenken so selbstverständlich geworden ist, dass du es oft gar nicht mehr bemerkst.
Und vielleicht merkst du es erst später
Wenn der Abend wieder still wird.
Wenn du wieder auf dem Sofa sitzt und dieses Gefühl auftaucht:
Eigentlich wollte ich das gerade nicht.
Du hast es vorher gewusst. Aber im Moment selbst war kein Raum mehr da, es noch zu drehen.
Und genau dort beginnt etwas anderes
Es beginnt nicht damit, dass du sofort alles anders machst. Und auch nicht damit, dass du nie wieder Ja sagst.
Es beginnt leiser. In diesem Moment dazwischen. Wenn du es bemerkst, während es passiert.
Nicht erst danach. Nicht in der Erklärung. Sondern in einem kurzen Innehalten.
Ich bin genau da wieder gelandet.
Und wieder auf dem Sofa
Und vielleicht liegst du irgendwann wieder auf dem Sofa. Mit deiner Tasse Tee oder deinem Glas Wein. Es kommt eine Nachricht. Eine Bitte. Eine Stimme.
Und vielleicht stehst du wieder auf. Vielleicht auch nicht.
Aber dieses Mal ist da ein kleiner Moment mehr. Ein Innehalten. Ein Spüren.
Ein kurzes: Was brauche ich eigentlich gerade?
Und genau dort beginnt keine perfekte Veränderung. Aber eine ehrliche.
Wenn du diesen Moment bei dir besser verstehen möchtest, bekommst du im Newsletter regelmäßig Impulse dazu, wie dieses Muster entsteht und wie du wieder mehr bei dir bleibst.

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